Das habe ich euch glaube ich noch gar nicht erzählt! Seit ein paar Wochen arbeite ich nun schon im Altersheim "maison de retraite protestante" mit. Ute und ich hatten uns die zusätzliche Ehrenamtlerstelle dort selber besorgt und gehen seitdem zweimal die Woche dorthin. Wir helfen bei den Kochworkshops mit. Mittwochs ist immer Suppe kochen angesagt. Es wird eigentlich immer die gleiche Suppe gemacht - Gemüsesuppe. Das Gemüse variiert dabei nur sehr geringfügig. Ich bin auch nicht dafür zuständig das Gemüse zu schneiden, sondern ich soll die Heimbewohner dabei untersützen, das Gemüse selber zu schälen und zu schneiden. In dem Workshop sind meistens um die sieben Leute, eigentlich nur Frauen, die wirklich arbeiten. Es sitzen aber immer noch sehr viele andere Menschen in der Küche oder um den Tisch herum. Eine Leiterin des Kochkurses hat uns mal erklärt, dass es auch wichtig für die Leute ist, die nur drumherum sitzen, zuzuschauen oder einfach nur anwesend zu sein. So nehmen sie sozusagen auch am Kurs teil. Viele von ihnen sitzen allerdings bloß auf ihren Stühlen oder in ihren Rollstühlen und schlafen.
Freitags machen wir ein Kochatélier (Kurse oder workshops heißen in Frankreich "atélier") im kleineren Kreise. Dahin kommen etwas weniger Frauen und wir sind meistens in einer kleineren Küche. Gekocht wird dann ein Essen, das sich die Teilnehmer selber ausgesucht haben oder etwas, was gerade in die Jahreszeit oder zu einem bestimmten Anlass passt. So haben wir zum Beispiel einmal einen Geburtstagskuchen gebacken oder Erdbeermarmelade gemacht, weil gerade Erdbeerzeit ist. In diesem Kurs sind die Frauen meistens noch fitter und können größtenteils selbstständig arbeiten.
In dem Suppenatélier ist das oft anders. Dort sind auch viele Teilnehmer, denen man genau zeigen muss, wie man mit einem Kartoffelschäler das Gemüse schält, eine andere will ständig die Kartoffelschalen aufessen, wieder eine andere Frau kann nicht einmal mehr ein Messer oder einen Schäler selber in der Hand halten.
In den Kursen sind auch nicht immer die gleichen Leute. Natürlich gibt es einige, die immer kommen, aber es sind auch immer Menschen da, die wir zum ersten Mal dort sehen. Ich glaube, es ist ganz gut, dass Ute und ich die Heimbewohner noch nicht so gut kennen, denn so probieren wir immer bei allen aus, was sie noch schaffen. Manchmal drücken wir dann auch Frauen, die eigentlich nur noch zuschauen können, einen Kartoffelschäler in die Hand und bemerken kurz darauf, dass diese Person gar nicht mehr in der Lage ist mitzuhelfen. Allerdings hat sich unsere Unwissenheit über die einzelnen Teilnehmer auch schon ausgezahlt. So haben wir z.B. einmal einer Frau einen Schäler und eine Kartoffel gegeben und sie hat die Aufgabe ganz gut bewältigt. Als dann die anderen Mitarbeiter hinzukamen, waren alle sehr überrascht und erstaunt, dass diese Frau tatsächlich die Kartoffeln schälte! Das hätte ihr niemand von denen zugetraut. So gesehen war es richtig gut, dass wir die Leute nicht so gut kennen und allen am Anfang immer alles zutrauen.
Neben dem Kochen helfe ich eigentlich nur noch bei Kleinigkeiten wie beim Spülen nachher, manchmal füttere ich ein paar Bewohner, die nicht mehr eigenständig trinken können oder man begleitet jemanden zu den Gänsen im Garten und füttert diese mit den Gemüseschalen aus dem Kochkurs. Ansonsten sind die Gespräche mit den Bewohnern sehr wichtig. Es ist sicherlich schön für sie, mal neue Gesichter zu sehen und sich auch mit jüngeren Menschen unterhalten zu können. Ich finde es bemerkenswert, wie rücksichtsvoll die Kursteilnehmer miteinander umgehen und sich gegenseitig unterstützen. Allerdings gibt es auch zwei Frauen, die sich anscheinend nicht so gut verstehen und es immer unglaublich lustig, wenn die beiden aufeinandertreffen!
Auch das Klima zwischen Mitarbeitern und Heimbewohnern ist sehr gut. Es wird viel untereinander rumgescherzt und sehr liebevoll miteinander umgegangen. Mich hat auch beeindruckt, wie viele Mitarbeiter es insgesamt in dem Altersheim gibt! Normalerweise ist ja nie genug Zeit für die Bewohner, aber in dem Heim habe ich wirklich das Gefühl, dass sich jeder gerne die Zeit für einzelne Personen nimmt und es genug Personal gibt. Selbst die Köche kennen die Bewohner recht gut und machen Witze mit ihnen.
Besonders witzig ist der Krankengymnast Thibault. Er läuft ständig überall herum und "klaut" sich immer kurz eine Person, macht Übungen mit ihr und bringt sie dann wieder zurück. Einmal, als er eine demente Frau wieder zurück zum Kochatélier brachte, reichte er ihr den Strauch Sellerie und meinte, es wäre ein Blumenstrauß - extra für sie. Die Frau hat sich unglaublich darüber gefreut und war richtig gerührt. Da sie eh' nicht mehr richtig zurechnungsfähig ist, hat es sie nachher auch gar nicht gestört, dass er den Strauß einfach wieder zurück zu dem anderen Gemüse legte. Auch für die anderen Kursteilnehmer, die noch fit im Kopf sind, war die Situation sehr amüsant.
Das Altersheim ist übrigens wunderschön, mit Garten, Gänsen und Hühnern und sehr gemütlich eingerichtet. Wenn ich mal alt sein werde, dann würde ich am liebsten auch in dieses Heim gehen. :)
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